Der Begriff
„Studierendenzentrierung beschreibt eine offene und wertschätzende Kultur einer Hochschuleinrichtung. Sie beinhaltet das gegenseitige Commitment der Lehrenden, Mitarbeitenden und Studierenden, alle lehr-, lern- und studienbezogenen Prozesse und Strukturen einer Hochschule partnerschaftlich und kokreativ so zu gestalten, dass die Studierenden in ihrer Diversität gut auf ihre Aufgaben in der Arbeitswelt und der Gesellschaft vorbereitet sind. Wesentliches Merkmal der Studierendenzentrierung ist dabei die gleichberechtigte Beteiligung an Strategie- und Projektentwicklung sowie die Einbindung in Entscheidungsprozesse. Studierendenzentrierung als Gestaltungsansatz kann dabei in den drei Bereichen Lehr-Lernveranstaltungen, Lehr-Lern-Projekte und Hochschulorganisation gedacht werden.”
Bachus, L., Saukel, K., & Rahrt, R., Studierendenzentrierung neu denken. Diskussionspapier Nr. 22. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung.
Mit dieser Definition wird Studierendenzentrierung nicht ausschließlich auf die Ebene der Lehre begrenzt, sondern als umfassender kultureller und organisationaler Gestaltungsansatz verstanden. Damit schließt das Konzept unmittelbar an internationale Qualitätsstandards für Hochschulbildung an, insbesondere an die European Standards and Guidelines (ESG 2015), die den studentischen Beitrag zur Gestaltung von Lernprozessen systematisch verankern.
1. Einordnung in den Kontext der European Standards and Guidelines (ESG 2015)
Die European Standards and Guidelines (ESG) definieren für den europäischen Hochschulraum Qualitätskriterien, um Studienqualität, Transparenz und Anschlussfähigkeit zu sichern. Ein zentraler Baustein ist die Schaffung studierendenzentrierter Lernumgebungen, die die Rolle der Studierenden als aktive Mitgestalter*innen im Hochschulsystem betonen.
2. ESG-Kriterium 1.3: Student-Centred Learning, Teaching and Assessment
Standard
Das ESG-Kriterium 1.3 verpflichtet Hochschulen dazu, Studienprogramme so zu gestalten und umzusetzen, dass Studierende aktiv am Lernprozess beteiligt sind. Dazu gehört insbesondere, dass auch die Art der Leistungsbewertung dieses Prinzip widerspiegelt.
“Institutions should ensure that the programmes are delivered in a way that encourages students to take an active role in creating the learning process, and that the assessment of students reflects this approach.”
— ESG 2015, Standard 1.3
Mit diesem Standard wird Studierendenzentrierung als Qualitätsprinzip definiert, das sowohl die Lehr-Lernpraxis als auch Prüfungsformate umfasst.
Guidelines / Ausgestaltung
Um den Standard wirksam umzusetzen, konkretisieren die ESG-Guidelines die Erwartungen an studierendenzentrierte Lehr-Lernprozesse. Diese tragen wesentlich zur Motivation, Selbstreflexion und aktiven Beteiligung der Studierenden bei. Sie umfassen u. a.:
2.1 Lernprozessgestaltung
Die Umsetzung studierendenzentrierter Lehr-Lernformate:
• berücksichtigt die Vielfalt und Lebensrealität der Studierenden,
• ermöglicht flexible, individuelle Lernpfade,
• nutzt verschiedene Lern- und Vermittlungsformate,
• kombiniert unterschiedliche didaktische Methoden,
• überprüft und verbessert regelmäßig didaktische Ansätze.
2.2 Lehrenden-Lernenden-Beziehungen
Studierendenzentrierung bedeutet zudem:
• Förderung von Autonomie bei gleichzeitiger Begleitung,
• Wertschätzung und Respekt im Lehr-Lernverhältnis,
• strukturierte Verfahren für Beschwerden und Rückmeldungen.
2.3 Leistungsbewertung / Assessment
Da Prüfungen entscheidend für Studienerfolg und berufliche Perspektiven sind, müssen Qualitätssicherungsprozesse sicherstellen, dass:
• Prüfer:innen qualifiziert und didaktisch unterstützt werden,
• Beurteilungskriterien vorab kommuniziert werden,
• Prüfungsformen den Lernergebnissen entsprechen und Transparenz schaffen,
• Feedback systematisch gegeben wird und Lernprozesse unterstützt,
• mehrere Prüfende beteiligt werden (wo möglich),
• Ausnahmesituationen berücksichtigt werden,
• Prüfungen fair, konsistent und regelbasiert durchgeführt werden,
• Einspruchs- und Beschwerdeverfahren existieren.
3. Verbindung zur Studierendenzentrierung im deutschen Hochschuldiskurs
Die im Diskussionspapier des Hochschulforums Digitalisierung formulierte Konzeptualisierung von Studierendenzentrierung deckt sich in zentralen Punkten mit den ESG-Vorgaben, insbesondere in Bezug auf:
• Partizipation (Mitgestaltung von Strategien und Projekten),
• Ko-Kreation (aktive Rolle statt passive Konsumhaltung),
• Organisationsentwicklung (Studierendenzentrierung nicht nur im Seminarraum),
• Diversitätssensibilität und Autonomie,
• qualitätsgesicherte Prüfungs- und Feedbackprozesse.
Damit wird Studierendenzentrierung sowohl als kultureller als auch als struktureller Organisationsansatz verstanden – und über Lehrveranstaltungen hinaus auf die institutionelle Ebene erweitert.
4. Ziel und Funktion der Plattform
Die Plattform verfolgt das Ziel, Studierendenzentrierung im Sinne der beschriebenen Qualitätsanforderungen sichtbar, zugänglich und praktisch umsetzbar zu machen. Dazu bündelt sie Informationen, Forschung, Beispiele und Werkzeuge, die Hochschulen bei der Einführung und Weiterentwicklung studierendenzentrierter Lehr-Lernprozesse unterstützen.
Die Plattform soll als Informations- und Transferstelle zwischen konzeptionellen Anforderungen (z. B. ESG) und praktischer Umsetzung im Hochschulalltag dienen. Sie macht deutlich: Studierendenzentrierung ist kein abstrakter Anspruch, sondern kann konkret gestaltet, erprobt und weiterentwickelt werden.


